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Drei Erzählungen

Lust und Laune
Die gestohlenen Briefe
Unter der Sonne


Lust und Laune

Wie ich das erste Mal die Kreuzung betrat, grinste ich frech und besserwisserisch. Statt wie alle anderen die Landkarte hervorzukramen und dann mit gebeugtem Rücken und zweifelndem Blick das Reale mit dem Gezeichneten zu vergleichen, stemmte ich die Hände in die Hüften und musterte die einbuchtenden Wege, als wären es Bittsteller, die sich um mein Wohlwollen bemühen. Für einen Moment überkam mich die Laune, den Spaß noch etwas weiter zu treiben, mich mit einer Geste in geradezu unverschämter Weise über alle diese Landkartenkrämer zu erheben, indem ich den Finger im Silbentakt eines gemurmelten Kinderreims über die Wege wippen ließ. Allerdings hätte niemand an dem Spaß Anteil nehmen können, weil sich die Kreuzung mitten im Wald befand und augenblicklich niemand sonst anwesend war.
Fünf Wege trafen hier zusammen. Denjenigen, den ich gekommen war, wieder zurück zu laufen, schied natürlich als Möglichkeit aus - obwohl ich das inzwischen gar nicht mehr so selbstverständlich finden kann. Ich würde sogar behaupten aber das zählt jetzt nicht; das konnte ich damals ja noch gar nicht wissen. Und also wählte ich, ohne den Abzählvers aufzusagen, aus den vier sich anbietenden Strecken diejenige aus, die mir beim Hineinschauen die Gefälligste zu sein schien. Später sollte sich mir genügend Zeit bieten, einmal darüber nachzudenken, welche Einzelheiten es denn gewesen waren, die in mir den Eindruck höchster Gefälligkeit erweckt hatten. Das heißt, es dauerte gar nicht lang, bis ich darüber nachzudenken begann, zum einen darum, weil mir sonst nichts einfiel, womit sich der Kopf beschäftigen ließ - der ja bekanntermaßen unentwegt mit irgendeinem Denkfutter versorgt sein muss, weswegen schon einmal Engpässe eintreten, wo nur mehr reichlich alberne und nutzlose Dinge anzubieten sind, - zum anderen - etwas bemerkenswerter, weil es sich dabei um den Impuls handelte, der das Thema überhaupt ins Blickfeld rückte - zum anderen also entsprach der Weg gar nicht dem ersten Eindruck, entpuppte sich vielmehr auf weite Strecke hin als völlig ungefällig. Heute würde ich zugeben, dass diese Meinung übertrieben war. Vielleicht hatte ich im morgendlichen Schwung und noch mit lauflustigen Beinen von meiner Umgebung ein etwas deutlicheres Echo auf diese gute Laune erwartet. Ein endloser Fichtenwald, der mehr an eine Plantage erinnert und nach egal wie vielen Schritten sein Aussehen nicht wesentlich verändert, wirkt eher herab stimmend, mürrisch und teilnahmslos. Natürlich hätte ich darauf pfeifen können, zumal ich ja, wie gesagt, durchaus die Munterkeit dafür mitbrachte. Wäre mir auf dem Weg irgendetwas aufgestoßen, das sich mit einem heiteren Lächeln über diese grunzig zugeknöpfte Gegend erhoben hätte, ich wäre mit offenen Armen darauf zugeschritten und hätte es gewiss zum Thema meiner Gedanken erwählt. So aber hinderte mich nichts daran, in aller Ausführlichkeit über die Frage nachzudenken, wie es denn möglich war, wenn ich mich von einigen gefälligen Details auf einen Weg hatte locken lassen, der sich dann als vollkommen dumm und öde erwies. Im Grunde konnte ich mich gar nicht erinnern, welche Details es gewesen waren. Ein gewisses Licht, ein bunter Wechsel von hellen und dunklen Passagen, ein sich scheinbar an Felsen und Baumriesen vorbei schlängelnder Weg. Hier jedenfalls sah nichts danach aus, als würden solche Versprechungen jemals erfüllt. Es kam mir sogar vor, als würde in schäbigster Weise über mich gelacht, als wäre hier endlich wieder einer dumm genug gewesen, um auf den Spaß hereinzufallen, ein Spaß, der immer seltener gelingt, seitdem an der Kreuzung jeder erst einmal seine Karte hervorkramt und aus den Emblemen ersieht, dass diesem Weg trotz all der gefälligen Details nicht zu trauen ist.
Ich blieb dann stehen inmitten der wie mit Lot und Metermaß gepflanzten Fichtenstämme. Ärgerlich wie ein Gefoppter, der noch einmal überschlägt, welches Spiel mit ihm getrieben wird und wie er sich weiterhin verhalten soll. Natürlich bestand die Möglichkeit, es könne sich weiter hinten alles wandeln und wieder ein erfreuliches Bild annehmen. Aber selbst, es wäre mir dies zugesichert worden, so hätte ich mich trotzdem geweigert weiter zu laufen. "So nicht!", dachte ich - geradezu, als wenn ich mich einem Menschen gegenüber befunden hätte, einem Menschen, der sich mit mir einen Jux erlaubt hatte und mit diesem Jux schließlich die Grenze übertrat, hinter welcher mir ein Mitlachen nicht mehr möglich ist. Da hilft dann auch kein Zusichern, es sei ja gar nicht so gemeint gewesen. Schließlich war ich nicht hergekommen, weil ich eine Pflicht zu erfüllen hatte. Es stand mir völlig frei, auf welchem Weg ich mich bewegen wollte und wenn sich dieser hier ein Vergnügen daraus machte, mich mit seinem langweiligen Aussehen zu piesacken - bitte sehr! - Wege gibt's schließlich genug und es dürfte kaum einen Verlust bedeuten, wenn einer davon verworfen wird.
Wieder zurück auf der Kreuzung wusste ich mir zunächst gar nicht zu erklären, welche Einzelheiten mich dazu veranlasst hatten, die Einbuchtung des Weges für die gefälligste anzusehen. Möglicherweise lag es an dem inzwischen anders einfallenden Licht. Mir selbst allerdings kam es so vor, als wäre der verlockende Flitter abgeschaltet worden, weil er ja mir gegenüber nichts mehr bewirken konnte und also eine überflüssige Mühe dargestellt hätte.
Da war aber noch etwas anderes. Ein Unbehagen, als wenn ich - vielleicht nicht jetzt, aber später gewiss meinen Entschluss zur Umkehr sehr unvernünftig finden würde. Ich glaubte mein zukünftiges Ich zu sehen, wie es kopfschüttelnd auf mich und
diesen Moment zurückblickte und ich hätte gute Lust gehabt, mich vor diesem Blick im Unterholz zu verstecken. Während ich noch in diese Vorstellung versunken war, trat aus einem anderen der Wege ein Mann auf mich zu, bereits die Karte in den Händen, mit der er sich aber nicht zurechtfand, weswegen er mich fragte, ob ich vielleicht wisse, welcher der Wege nach Lingen führt. Ich hatte keine Ahnung. Ich hätte ihm allenfalls sagen können, dass dieser Weg, selbst wenn er dorthin verliefe, nicht zu empfehlen sei - wobei mir aber doch sofort einfiel, wie idiotisch diese Auskunft einem Mann gegenüber gewesen wäre, der nichts weiter als in eine Ortschaft namens Lingen laufen möchte.
"Auf meiner Karte sind nur drei Wege eingezeichnet", sprach er, während er herauszufinden versuchte, wie sich die eingezeichneten Wege mit denen der Kreuzung zur Deckung bringen ließen. Offenbar ergebnislos, denn anschließend schwenkte er den Blick über alle Einbuchtungen, als wenn er auf ein anderes Zeichen hoffte.
"Ich versuch's mal hier", meinte er schließlich und ich hätte einiges darum gegeben zu erfahren, was es am Ende war, das ihn zu seinem Entschluss veranlasst hatte. Das heißt, wahrscheinlich wäre die Auskunft gar nichts wert gewesen, wahrscheinlich war es nichts als eine über den Baumkronen sichtbar gewordene Wolke, die ihm in völlig mirakelhafter Weise wie ein plötzlich aufgetauchter Wegweiser nach Lingen vorgekommen war. Und doch spürte ich, während ich ihn davon wandern sah, so etwas wie Neid in mir empor steigen. Das war immerhin ein klares Vorhaben, dachte ich. Ob die Wege schlecht und langweilig sind, spielt keine Rolle, weil es ja an erster Stelle zu beherzigen gilt, nach Lingen zu kommen. Warum hatte ich mich nicht gleichfalls mit solch einem Ziel ausgestattet? - Weil ich einmal immer nur der Nase lang durch den Wald laufen wollte. Weil ich geglaubt hatte, ich würde allem Zwanghaften ein Schnippchen schlagen, wenn ich nur immer so lief, wie es mir gefiel. Trotzdem wäre es mir albern vorgekommen, mir nun gleichfalls vorzusetzen, ich sei auf dem Wege nach Lingen und weil ich auch nicht dem anderen hinter trotten wollte, blieben nur mehr zwei der Einbuchtungen zur Auswahl. Diesmal wollte ich mich nicht von flüchtigen Details beeindrucken lassen, überließ die Entscheidung vielmehr einer mathematischen Ordnung, indem ich in denjenigen Weg einbog, welcher sich rechts, dem Uhrzeiger folgend, an den bereits begangenen anschloss.
Im Grunde auch nichts anderes als eine Wanderkarte, dachte ich. Statt nach Lust und Laune dahinzustromern, wird die Abfolge der Abzweigungen durch ein System geregelt und wenn sich die eingeschlagenen Wege als völlig ungenießbar erweisen, so lässt sich niemandem ein Vorwurf machen. Jeder darf freiheraus zugeben, dass es kein Vergnügen ist, über solche Wege zu laufen und wenn einer nachfragt, warum man sie überhaupt eingeschlagen habe, dann wird das System genannt, dann muss man nicht irgendeinen absurden Quark über Lust und Laune zusammenstottern. Wahrscheinlich lässt sich über dieses Thema ohnehin nichts anderes als Quark sagen. Und während ich den Weg voranschritt, ahnte ich, wie unklug es war, wenn ich trotz dieser Einsicht dem Kopf diesen Fressbeutel nicht einfach entriss und einen anderen umschnallte. Aber ich war so himmelweit von jener Zuversicht entfernt, mit welcher ich das erste Mal die Kreuzung betreten hatte. Alles Lauflustige und Heitere war wie weggeschmolzen. Und das, obwohl sich der zweite Weg als ausgesprochen reizvoll erwies. Statt aber diese Reize mit einem Lächeln wahrzunehmen, fand ich es vielmehr unverschämt, wenn mir jetzt und in der Verfassung, in der ich mich befand, lauter hübsche Aussichten vorgehalten wurden. Das heißt, der Gedanke meldete sich zunächst als vage Idee, von der ich sofort der Überzeugung war, nur ein so mieser Charakter wie meiner, könne auf solch einen Einfall kommen. Und statt ihn einfach hinauszuwerfen, machte ich ihn mir dann bei jeder Gelegenheit selbst zum Vorwurf; wie ein Schulmeister, der in ironischem Ton die Ausblicke lobt, um dann wegwerfend hinzuzufügen: für mich sei das freilich alles umsonst. Und das Gemecker steigerte sich noch. Alles mögliche wurde hervorgekramt bis hin zu der im Grunde völlig bizarren Feststellung, dass ich offenbar nicht einmal dazu befähigt sei, hier wie jeder andere auch mit fröhlichem Gesicht durch den Wald zu spazieren. - Ich hätte eben doch die Karte mitnehmen sollen. Wie ist mir überhaupt der Einfall gekommen, einfach so nach Lust und Laune durch den Wald zu laufen! Da sieht man's ja, wie es mit dieser Lust und Laune aussieht. Zu Hause im Sessel hört sich das alles fabelhaft an. Aber mir soll noch einmal einer kommen mit diesem Gesicht, als würde man sich an aller Freizügigkeit vergehen, wenn man sich seine Wege erst einmal auf einer Landkarte besieht. Man sollte überhaupt am besten zu Hause bleiben und nur noch in der Vorstellung spazieren gehen. Erst einmal würde ich mir dann zur Pause einen Biergarten in die Gegend malen. In Wahrheit ist natürlich weit und breit keiner zu sehen. Wahrscheinlich wäre auf dem ersten Weg einer aufgetaucht. Eben das war natürlich der eigentliche und vorzüglichste Witz, dass man mich bis kurz vor einen solchen Biergarten lockte. Und wenn ich mir einbildete, nach eigenem Beschluss zu handeln, so war's in Wahrheit von anderen vorausgeplant: ich würde mich genau im richtigen Moment und zu meinem eigenen Schaden an meine Entschlussfreiheit erinnern. Wahrscheinlich werde ich auch hier genau dann umkehren, kurz bevor so ein Biergarten sichtbar wird. Aber es soll mir egal sein. Hier hat man mich ohnehin zum letzen Mal gesehen!
Später stand ich wieder an der Kreuzung, verwirrt und benommen darüber, woher mir diese irrwitzigen Selbstgespräche kamen, als über einen der Wege der Mann, der nach Lingen wollte, zurückkam. "Da ist völlig verkehrt", sprach er mich an, indem er mit der Karte in der Hand auf seinen Weg zurückzeigte.
Für einen Moment fühlte ich mich versucht nachzufragen, was es denn am Ende war, das ihn davon überzeugt hatte, falsch zu laufen. Aber ich fand es dann doch gleichgültig, wie mir überhaupt dieser Kerl dumm und fade vorkam. Dieses eifrige Gesicht, mit welchem er Karte und Landschaft verglich.
"Wenn nur die Karte etwas besser wäre", sprach er. "Aber wo wollen Sie eigentlich hin?"
"Das geht Sie überhaupt nichts an. Sie Kartenkrämer! Sie laufen hier wohl rum, um die Leute auszufragen", rief ich und ich rief auch noch einiges mehr, das mir heute ausgesprochen peinlich ist und nicht unwesentlich dazu beitrug, wenn ich seitdem solche Ausflüge nicht mehr unternommen habe.


Die Gestohlenen Briefe

Beim Frühstück fiel es mir ein, dass ich noch einen zweiten Briefkasten haben musste. In dem Moment erschien mir das völlig natürlich. Etwa so, als hätte ich mich in Anbetracht meiner ausgetretenen Schuhe daran erinnert, in einem der Schränke noch ein anderes Paar verstaut zu haben. "Aber natürlich!", dachte ich, während in mir das Bild emporstieg, wie ich vor geraumer Zeit die Tür zum Keller geöffnet und über das Treppengeländer hinweg auf die Wand geschaut hatte, an welcher die Zeile der Zweit-Briefkästen befestigt war. Einige Kartontürme standen dabei. Aus den zerrissenen Deckeln quollen alte Zeitungen hervor, wie sie in Fetzen gleichfalls auf dem Fußboden lagen. Und ich weiß auch noch, wie ich damals den Kasten öffnete und ein dickes Packet von Briefen heraus nahm, Briefe, auf die ich bereits gewartet hatte, deren Absender ich alle mit einem Gefühl großer Erleichterung zur Kenntnis nahm. Allerdings ist es mir völlig entfallen, wie diese Absender lauteten. Um ehrlich zu sein, scheint mir das etwas mirakelhaft; denn von wem sollte ich damals Briefe erhalten haben, deren Ankunft nicht einmal überraschend war, sich vielmehr bereits hatte voraussehen lassen.
Aber die Erinnerungen pflegen mit den Einzelheiten sehr nachlässig umzugehen. Jedes vergangene Bild bleibt nur als ein Abklatsch zurück und wenn man einmal nachhakt, ist alles daran verrutscht, verschmiert und völlig unpräzise. Wie sollte man aus solchen Bildern auf so etwas wie Wahrheit schließen! - Immerhin das scheint mir unzweifelhaft: dass es mir jeden Tag einen kleinen Stich versetzt, wenn ich den Briefkasten im Treppenhaus aufschließe und auf nichts als das leere Gehäuse schaue. Nicht, dass es jemanden gäbe, der mir eine Antwort schuldig wäre oder dem es einfallen könnte, mir seine guten Wünsche zu einem Festtag auszurichten. Aber schließlich gibt es auch andere Post, gleichgültige, unerfreuliche. Der Hinweis auf ein schlecht geführtes Bankkonto, die Erinnerung an eine vor Jahren vergessene Schuld, eine Kostenabrechnung, Zahlungsaufforderung oder was sonst auch immer in einem gewöhnlichen Briefkasten mehr oder weniger häufig aufzutauchen pflegt. Nur eben nicht bei mir. Und wenn ich auch, wie sich versteht, auf unangenehme Post gerne verzichte, so bleibt doch der Eindruck zurück, ich sei völlig vergessen worden, in aller Welt existiere kein einziges Wörtchen, das mir zu hinterbringen wäre. Und wenn ich in das Gehäuse blicke, so ist mir jedes Mal, als hätte ich beim Betreten eines Raums einen Gruß ausgesprochen, der aber von niemandem überhaupt bemerkt wurde.
Von daher versteht es sich, dass ich bei der Erinnerung an meinen zweiten Briefkasten sofort die Kaffeetasse zurück auf ihren Unterteller stellte, den Schlüsselbund nahm und auf Pantoffeln hinab in den Keller lief. Merkwürdigerweise sah der Keller völlig anders aus, als wie ich ihn in Erinnerung hatte. Weitaus dunkler, schmaler und schmutziger. Die Treppe besaß überhaupt gar kein Geländer und dort, wo die Briefkästen hätten sein sollen, befanden sich die Stromzähler. Sollte man alles umgebaut haben, seitdem ich das letzte Mal herunter gekommen war?
Während ich mich noch über die Veränderungen wunderte, hörte ich aus einem der Kellergänge Schritte und dann die Stimme des Hausmeisters, der mich mit einem Grinsen in den Mundwinkeln grüßte und nachfragte, ob etwas mit meinem Stromzähler nicht stimme. Ich will es gleich hinzusetzen, dass ich den Mann noch nie hatte leiden können. Sein ständiges Grinsen vor allem war mir zuwider. Egal, wo ich ihm über den Weg lief, machte er ein Gesicht, als wär ich ein Zirkusclown, der im nächsten Moment ganz zweifellos einen unglaublich komischen Spaß vom Stapel lässt. Und also hoben sich die Gesichtsmuskeln, halb in der Erinnerung an alle die gehabten komischen Sachen, halb in der Erwartung auf das, was noch dazu kommen sollte.
"Waren hier nicht mal Briefkästen?", fragte ich mit betont missgelaunter, von jedem Scherz himmelweit entfernter Miene.
"Briefkästen?", echote er, als wenn schon allein dieses banale Wort ausreichte, eine Stammtischrunde in lautes Gelächter zu versetzen. Dann allerdings schien er sich das Lustigsein zu verbitten und in ganz korrektem Tonfall fügte er hinzu: "Hier sind die Stromzähler. Die waren immer schon hier. Die Briefkästen sind oben im Treppenhaus."
"Das ist mir auch bekannt. Ich meinte mich aber zu erinnern, dass hier noch mehr Briefkästen wären."
"Nein. Hier sind keine Briefkästen", sprach er, während er gleichzeitig und wieder gegen ein Lachen ankämpfend nach meinen alten Pantoffeln schielte.
"Haben Sie eigentlich", fiel es mir ein, da ich bereits auf der Treppe stand, "Zweitschlüssel für die Briefkästen?"
Für einen Moment zuckte ein Glimmern über seine Augen, das zwar ganz ohne Zweifel ein Ausdruck seines Erstaunens war, aber doch leider nicht weiter verriet, um welche besondere Art der Überraschung es sich handelte. Komisch allerdings schien er die Frage überhaupt nicht zu finden. Es machte eher den Eindruck, als wenn ihm dieser Jux zu weit gegangen wäre, als wenn ich mich damit auf ein Terrain verlaufen hätte, wo es durchaus nichts zu scherzen gab. Und das immerhin war bemerkenswert, vielleicht sogar verräterisch. Denn, wie gesagt, war sonst in seinem Gesicht selbst wenn er sich zusammennahm, stets diese Nuance, als wenn er ein Auflachen niederknebelte.
"Was wollen Sie denn damit sagen?", entfuhr es ihm ungewöhnlich grob und anherrschend.
"Nichts weiter", nickte ich, wobei es mich nicht kümmerte, ob sich mein wahrer Verdacht von meinem Gesicht ablesen ließ. Ich erinnere mich sogar, wie mir die Mundspalte nun selbst ein Stück in die Höhe rutschte und wie ich den Hausmeister, bevor ich mich wieder zu den Treppenstufen herumwandte, mit einem stumm triumphierenden Blick versah.
Natürlich gab es keine zweiten Briefkästen. Warum auch sollte man den Postboten dazu nötigen, sich in den Keller hinab zu bemühen, um dort die Briefkasten-Duplikate zu bestücken! Und schließlich würde es gar keinen Sinn geben, zwischen zwei verschiedenen Kästen zu unterscheiden, also einer Treppenhaus- und einer Keller-Adresse. Die Erklärung für das immer leere Gehäuse meines Briefkastens lag ganz wo anders und wenn ich diese Erklärung auch noch nicht vollständig aus dem Nebel eines bloßen Verdachts hätte herausheben können, so gab es doch am Kern der Sache nichts zu zweifeln. Ratlos blieb ich allerdings zunächst bei der Frage, wohin der Hausmeister die gestohlene Post verschwinden ließ. Ich ging dann noch am selben Vormittag auf den Hinterhof, wo sich hinter einer kopfhohen Mauer die Mülltonnen befanden. Zumindest den Papiercontainer wollte ich gründlich durchforsten, wofür ich etliche Packen alter Zeitungen heraushob und in dem Wust von Werbeblättern, zerrissenen Kartons und Verpackungspapieren nach Briefumschlägen wühlte. Natürlich waren etliche zu finden, aber doch nur solche, die mich nichts angingen. Und obwohl der Geruch der schimmelnden Papiere sehr dazu angetan gewesen wäre, die Suche rasch zu einem Ende zu bringen, wollte ich doch die Möglichkeit, dass sich hier meine Briefe befanden, in jedem Fall ausgeschlossen haben. Eben darum zögerte ich nicht, da ich tiefer wühlend nicht mehr bis an die nächsten Papierschichten herankam, sondern kletterte hinein in die Tonne, wo ich dann bis hin zum Boden jeden Schnipsel untersuchte.
Ich hatte gerade mehrere solcher Schnipsel zu einem Couvert wieder zusammengelegt, als ich, in der Meinung es würde zu regnen beginnen, den Kopf hob und mir gegenüber, hinter der Mauer das Gesicht des Hausmeisters bemerkte. Und wenn ich auch den Mund nicht sehen konnte, so doch die aufglänzenden Backen, über deren Wulsten sich die Augen zu strahlenden Schlitzen verengten. Ganz als wenn ihn die völlig falsche Fährte amüsierte, die ich hier verfolgte. Aber nur kurz; denn kaum hatte ich den Blick auf ihn gerichtet, verschwand er wieder, wie ein Kind noch im Davonlaufen sein Gegacker halb verschluckend. Für einen Moment hatte ich tatsächlich den Eindruck, lachhaft zu sein. Wie ein kleiner Junge, der sich in die Hose machte. Und ringsherum stehen seine Klassenkameraden, strecken die Zeigefinger nach ihm und lachen wie über eine Witzfigur. Und auch die Erwachsenen kommen dazu. Anfangs noch mit der Absicht, für Frieden zu sorgen, aber weil es so unmäßig komisch aussieht, wie ich da in meiner Papiertonne stehe, verhuscht im Nu die erzieherische Absicht, alles Strenge und Bevormundende ist plötzlich wie ausgelöscht aus den Gesichtern zugunsten einer laut johlenden Fröhlichkeit.
Aber hatte ich denn nicht Recht! Was bitte soll daran so komisch sein, wenn man mir meine Briefe stahl! Kein Mensch würde das einfach so hinnehmen, dass man in seinem Briefkasten auch nur herumschnüffelt. Dieser Kasten ist schließlich ein höchst privates Behältnis wie die Schublade mit dem Tagebuch, ein Hoheitsgebiet, auf dem nicht einmal die nächsten Angehörigen etwas zu suchen haben.
Abends fiel es mir ein, vom Hof aus in die Wohnung des Hausmeisters zu schauen, der im Parterre wohnte und nie die Rollläden herabließ. Auf einer der Aschetonnen kniend konnte ich über die Mauer hinweg alle drei Zimmer überschauen, die auch erleuchtet waren. Das mittlere besaß Aktenregale an allen Wänden, teils von übereinander gestapelten Kartons verdeckt. Dazwischen saß der Hausmeister auf einem Drehstuhl, bequem zurückgelehnt, bisweilen vom Boden eine Bierflasche aufnehmend, in der Hand einen aufgefalteten Papierbogen. Er lachte über das Gelesene, nahm einen Bleistift, den er sich ans Ohr gesteckt hatte, beugte sich mit dem Schriftstück über den Tisch und korrigierte daran. Wieder lehnte er sich zurück, las weiter und brach abermals in ein Lachen aus, weswegen er, um nicht alles mit Speichel zu beregnen, den Papierbogen zur Seite schwenkte.
"Na warte, Freundchen!", war mein einziger Gedanke, während ich stundenlang auf der Aschetonne kniete. So lange eben, bis endlich die Lichter gelöscht wurden.
Morgens allerdings beim Frühstück war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich tatsächlich richtig gehandelt hatte. Merkwürdig auch, dass es mir beim besten Willen nicht mehr einfallen wollte, wo ich den Karton mit den Briefen hingetragen hatte. Ein prall gefüllter Karton. Während ich die Kaffeetasse nachgoss, wunderte ich mich, was das überhaupt alles für Post gewesen sein sollte. Und doch stand ganz außer Frage: Ich hatte die Deckel des Kartons aufgeklappt, in den Umschlägen gewühlt und überall meinen Namen und meine Adresse gesehen. Es war auch keine Schwierigkeit gewesen, ins Zimmer einzusteigen. Eins der zweiteiligen Fenster war angekippt und durch die Spalte konnte ich mit den Fingern den Griff des geschlossenen Fensterrahmens bewegen. Nachdem ich den Karton mit meiner Post entdeckt hatte, war ich wieder hinaus geklettert und ich erinnere mich sehr genau, dass der Karton ein gutes Gewicht hatte, dass ich ihn erst einmal auf dem Blumenbeet absetzen musste. Dann habe ich versucht, den Fenstergriff wieder in seine ursprüngliche Position zu drücken, was mir aber nicht gelang, obwohl ich eine gute Viertelstunde damit beschäftigt war. Da! An den Fingergelenken sieht man noch die Eindrücke der Kanten. Und doch! Wenn ich aus meinem Bad auf den Hof schaue, kann ich unten die Fenster des Hausmeisters sehen. Aber keins davon ist zweiteilig. Es gibt auch kein Blumenbeet davor. Sollte er denn über Nacht alles umgebaut haben!


Unter der Sonne

Die Tage waren ausgefüllt mit Streitereien. Nichts darunter, das sich bis in die benachbarten Ferienhäuser hätte hören lassen. Ein unablässiger, aber doch niemals aufpeitschender Wind. Entsprechend maßvoll blieb der Klang der Stimmen. Einem Unbeteiligten wäre die ärgerliche Note darin auf Anhieb gar nicht aufgefallen oder wenn, dann hätte er sie für einen gewiss gerechtfertigten Aspekt angesehen, der aber erfreulicherweise unter den Zügeln der Selbstbeherrschung verblieb. Nur wer einmal länger dabei saß, wurde endlich doch stutzig, begann zu ahnen, dass es sich hier um eine Note handelte, die jedem Wort und jeder Geste beiwohnte, ein alles begleitender Hintergrund, ein ewiges: "Kannst du nicht mal!" und "Fang doch nicht schon wieder davon an!" Ein nachlässiger Beobachter hätte den Mann bedauert und alle Schuld der Frau zugeschrieben. Diese Parteilichkeit wäre aber doch eher ein Mitwirken im Rollenspiel gewesen, eine Art Komparsendienst, den sich die Beiden durchaus hätten gefallen lassen, um darüber neue oder auch wieder eingefallenen Details in ihr Bühnenstück hineinzuweben. Ohne Frage allerdings lag die Regie für dieses Stück in den Händen der Frau, schon allein darum, weil sie mit einem unvergleichlich größeren Einfallsreichtum aufwarten konnte. Der Mann war hier und in Umkehrung seiner biologischen Ausrichtung der empfangende Part, wodurch es ihm folglich freistand, auf dieses Entgegennehmen zu reagieren, als würde ihm Gewalt angetan. Zwar bediente sich gleichfalls die Frau solcher Vorwürfe, die aber, eben weil ihr die Rolle der Austeilenden oblag, weitaus kompliziertere Gedankengänge erforderten, um überzeugend zu sein, während doch der Mann für den gleichen Zweck auf nichts weiter als ein schmollendes Dasitzen zurückgreifen konnte. Denn natürlich und obwohl in der Regel niemand anwesend war und sein Urteil hätte abgeben können, so war doch Beiden in jedem Augenblick sehr daran gelegen, von einem möglichen Zeugen das bestätigende und also den anderen vernichtende Nicken zu empfangen.
Wie gesagt, startete dieses Programm, sobald am Morgen die Augen aufgeklappt wurden. Kaum aus dem Nebel der Träume wieder ins Bewusstsein hervorgedrungen, stellte sich heraus, dass der Mann während der Schlafpause zwei Drittel der Zudecke auf seine Seite gezogen hatte, dass der Wecker nicht am üblichen Platz stand, das Fenster ungeöffnet war. Während das Frühstück zubereitet wurde, stritt man sich über die Anzahl der in den Filter zu füllenden Kaffeelöffel, jammerte über die Salami, wo man sich Käse gewünscht hätte. Was der eine auf den Tisch trug, wurde vom anderen unfehlbar an einen anderen Platz gerückt. Sobald sich beide hingesetzt hatten, fehlte die Milch, woraufhin sie nachfragte, warum er nie an die Milch denke, und er zurückwarf, da könne sie sich auch einmal selbst drum kümmern, er nehme schließlich keine für den Kaffee, was dann wieder die Frau für einen Beleg dafür nahm, dass er immer nur an sich selbst denke - und so ad infinitum, eine Endlos-Kette an Meckereien, von denen jede ihren winzigen Bestandteil an Berechtigung besaß; Mikroben vergleichbar, die einzeln unsichtbar bleiben, in Massen hingegen einen für jedes Auge deutlichen Teppich bilden können.
Ein anderer hätte sich diesen Teppich verbeten, zumal im Urlaub bei schönstem Mittelmeerwetter. Statt auf den richtigen Platz für die Kaffeekanne hätte dieser andere, unerheblich welchen Geschlechts, doch viel eher auf den strahlend blauen Himmel gesehen, die Meeresküste, deren Panorama sich im Halbrund um den Frühstückstisch ausbreitete. Aber dieser andere hätte eben auch ein völlig anderes Lebenstheater mit an diesen Tisch gebracht und statt selbst ins Jammern zu verfallen, sei hier vielmehr das Erstaunliche und Anerkennenswerte herausgehoben, eben die Tatsache, dass den Eheleuten an der perfekten Aufführung ihres Rollenspiels weitaus mehr gelegen war als an dem kurzfristigen Genuss, den der Anblick einer schönen Gegend zu bieten hat. Und natürlich auch erlitt dieses so tadellos sich abspulende Programm eine sich selbst in Frage stellende Unterbrechung, einen Anstoß, der noch einmal alles durcheinander zu wirbeln versprach - womit sich schließlich für diese Aufzeichnung erst eine zufriedenstellende Abrundung eröffnet, da ja ansonsten gleichfalls das Erzählte nur in einem ad infinitum auslaufen könnte.
Dieser Anstoß trat zunächst in Form eines Einfalls in Erscheinung. Während sich die Frau nach dem Frühstück mit einer Modezeitung auf einer der Terrassen-Liegen ausgestreckt hatte, überkam den Mann die Lust, einmal einen Spaziergang zu unternehmen. Er trat also hinaus und gab bekannt, dass er ein bisschen herumlaufen wolle.
Die Frau schaute auf von ihrer Zeitung mit einem Gesicht, als wäre sie nun bereits das fünfte Mal in ihrer Lektüre gestört worden. "Wie?", wunderte sie sich. "Mit dem Auto?"
"Nein, nein. Nur so zu Fuß, dacht ich."
Die Frau stutzte, unschlüssig, ob sich mit diesem Wunsch etwas ankündigte, das sich der gewohnten Szenerie und somit gleichfalls ihrer Aufsicht entzog. "Aber doch nicht in dieser Hose."
Der Mann sah herab an seiner Hose und meinte: "Warum denn nicht? Soll ja nur ein kleiner Spaziergang sein."
"Dann denk aber nicht, dass ich die heut Abend schon wieder wasche! Ich bin schließlich nicht deine Haushälterin."
"Das sagt ja niemand."
"Da bin ich aber beruhigt. Noch schöner wäre es allerdings, wenn du auch mal selbst die Waschmaschine anstellen könntest. Oder ist das wieder zu viel verlangt?"
"Aber das hab ich doch."
"Du! - Du weißt doch wahrscheinlich nicht einmal, wo das Waschpulver hingehört."
"Also das reicht mir jetzt. Ich geh spazieren."
"Dann nimm wenigstens die Mülltüten mit!"
Er ging also zurück in die Küche, holte die Mülltüten und stapfte dann schmollend davon. Erst in Richtung der Abfallcontainer, anschließend über die Straße, die hinab zur Küste verlief.
"Als wär ich ein Schuljunge, der in seiner Kommunionshose auf den Spielplatz will", dachte er. "Irgendwann werd ich mir das einfach nicht mehr gefallen lassen."
Und es sei gleich hinzugefügt, dass dies das Einzige war, das er auf seinem Weg zur Küste dachte: Dass er sich wie ein Schuljunge vorkomme, der in seiner Kommunionshose auf den Spielplatz will und dass er sich das irgendwann nicht mehr gefallen lasse. Wir hörten bereits: Für Fantasie und Einfallsreichtum pflegte seine Frau zuständig zu sein. Ihm hingegen mangelte selbst das Talent, den gehabten Gedanken auf mehr oder weniger interessante Weise zu variieren, also andere Beispiele folgen zu lassen, welche den empfangenen Eindruck noch einmal aus anderer Perspektive beleuchten. Für jemanden, der sich ärgern möchte, ein geradezu verhängnisvoller Mangel. Zumindest so lange, wie er mit sich allein ist und keine weiteren Ärgerlichkeiten zugetragen bekommt. Die ständige Wiederholung einer einzigen Satzfolge wirkt eher einschläfernd als anfeuernd. Und auch der durchschrittenen Landschaft ließ sich nicht ohne Weiteres ein Detail entnehmen, das hier hätte beispringen können.
Die Hitze vielleicht? - Die war ihm durchaus angenehm. Wie etwas Stachelndes, eine anregende Quälerei, die ihm auf der Nackenhaut knisterte, den Schweiß hervor trieb, so dass sich bei jeder Bewegung das eigene Fleisch wie glitschende Teigmassen spüren ließ. Aber auch die Luft hätte trotz des Meeres den Vergleich mit den Gerüchen eines Beilagers ausgehalten. Wie zu einer schwül lüsternen Masse verdickt, die sich nur mehr mit offenem Mund heransaugen und einschnappen ließ. Eine Luft durch die er hindurch schritt wie durch eine Kissenlandschaft.
Da er sich in der Gegend nur als Autofahrer auskannte und seinen Fußweg allein nach der Küste ausgerichtet hatte, gelangte er schließlich in eine Bucht, von der aus ein bequemes Weiterlaufen nicht möglich war. Links erstreckten sich übereinander geworfene Felsmassen bis ins Wasser hinein. Rechts ragte eine nicht übersehbare Steilwand aus dem Meer empor. Allerdings lagen am Fuß dieser Wand genügend Felsbrocken, über die sich, wenn es denn unbedingt sein musste, durchaus weiter voran dringen ließ. Und weil ihm einmal die Laune erfasst hatte, weil ihm der bisherige Spaziergang, selbst wenn er sich infolge eines Zurücklaufens verdoppelte, noch nicht satt gemacht hatte, darum entschied er, rechts einzubiegen und über die Steine zu hüpfen. Allerdings verlor sich dabei der Eindruck des Wohligen, denn natürlich erforderten die Sprünge feste und gut erwogene Beinbewegungen. Es ging auch kein Wind, welcher die Hitze gemildert hätte. Von der Stirn lief der Schweiß in die Augenbrauen, wo er sich wie in einem Strauchwerk staute, um sodann in dicken Tropfen in die Augenhöhlen herabzustürzen. Das Schuhwerk war völlig ungeeignet für solche, eher abenteuerlichen Pfade. Kurz wimmerte ihm dies durch den Kopf: Dass es nicht die Hose war, die er schlecht gewählt hatte, sondern die Schuhe. Wieder ein Beleg dafür, dass seine Frau mit ihrem Gemecker ständig danebenzielte, im Grunde genommen nie den Nagel auf den Kopf traf. Dieser immer verfehlte Nagelkopf hallte noch eine Weile nach wie ein verkürztes, keinem Inhalt mehr anhängendes Echo, um endlich als einzelne Silbe gänzlich zu ersterben. Die nötige Geschicklichkeit beim über die Steine Springen hatte sich rasch von selbst eingestellt, weswegen der Kopf den Prozess nur mehr mit einem schläfrigen Nicken mit verfolgte; je länger, je öfter auch völlig wegdämmerte und alles Geschehen unkommentiert passieren ließ. In die ungestörte Leere hinein waberten Satzbruchstücke, sinnlos und völlig im Unklaren über ihr Herkommen lassend. Wie ein unter der Hitze empor geschwemmter Bodensatz, dem sich keine Bedeutung entnehmen ließ.
Auf einer Sandparzelle zwischen den Felsbrocken nahm er für eine Pause Platz und wenn auch ungeschützt vor den Strahlen der Sonne, so wenigstens mit freiem Blick über das Wasser und die wild zerklüfteten Felsküsten. Zunächst war er beeindruckt. Etwas Großes und Bedeutungsvolles ging von dem Anblick aus. Wäre er jetzt in Gesellschaft gewesen, es hätten sich allerlei Bemerkungen gefunden, mit welchen sich dieses Große in ein passendes Format einfügen lässt. Man hätte seine Achtung bekundet wie vor einem berühmten Kunstwerk, dessen Bedeutung einleuchtet, auch wenn man selbst von der Sache leider nichts versteht. Anschließend wäre man weitergezogen, um eine Erinnerung bereichert, die sich in zukünftigen Gesprächen erwähnen ließ als Zeugnis dafür, gleichfalls dabei gewesen zu sein.
Aber es war niemand da und ihm selbst mangelte jede Fantasie, um das Gesehene mit Kommentaren auszustatten. Völlig überfordert kam er sich vor. Statt genießerisch den Blick über das Wasser schweifen zu lassen, starrte er mit offenem Mund darauf wie in den Rachen eines Raubtiers. Und dabei war es ihm, als sähe er gar nicht die Dinge, die sich aufzählen und begreifen lassen, sondern ein Wesen, das sich über diese Dinge kundgibt, ohne darin tatsächlich beschlossen zu sein. Ein lebendiges Gegenüber, das mit einem Seitenblick den Mann an der Küste sehr wohl vermerkt hatte, sich aber sonst nicht weiter um ihn kümmerte. Ihm keinen Auftrag gab, nichts zu tadeln oder auch zu loben hatte, da es sich zu ihm in einem wortlosen Verhältnis befand wie etwa ein Mensch zu einem Insekt. Da wäre nichts gewesen, das man sich mitzuteilen hatte. Jedes ausgesprochene oder auch nur gedachte Wort hätte unwillkürlich den Anstrich des Albernen und Überflüssigen gehabt. Und doch war dieses Wesen, dem er sich hier so unvermittelt gegenüber fand, das ursprüngliche, das ihn nicht nur an Jahren übertraf, das vielmehr ihn selbst hervorgebracht hatte. Ein Schoß, aus dem er geboren wurde, und der ihm seitdem nichts als eine Ansammlung von Dingen bedeutet hatte. Ein seelenloses Gewirr von Eindrücken, umso rätselhafter, da er doch selbst mit einer solchen Seele ausgestattet war. Einer Seele, die es ihm möglich machte, Gedanken aneinander zu knüpfen, eine Schule zu absolvieren, sich für einen Beruf zu entscheiden, eine Frau zu heiraten. Und doch! Während er diese Befähigungen aufzählte, überkam ihn der Eindruck, Blödsinn zu denken, eine auswendig gelernte Liste abzuleiern, in Wahrheit nichts weiter darzustellen als einen funktionierenden Automaten, ein im Grunde seelenloses Ding, das sein Daseinsprogramm erfüllt. Und eben weil sich in diesem Dasein nie etwas ereignete, das über den vorausgeplanten Mechanismus hinausgriff, darum blieb alles stumm, darum war weder mit einer Fliege noch mit einer Weltseele ein Zwiegespräch möglich. Ein misslungener Versuch des Lebendigen, ein gerade so dahin murmelndes Geschöpf, dem immerhin die Möglichkeit innewohnt, wieder neue Geschöpfe in die Welt zu setzen, von denen eins vielleicht tatsächlich eine Seele heranbildet.
Er sprang auf, rannte über die Steine voran, als wären Haie im Wasser aufgetaucht. Erst nach Stunden, da er längst einen wieder bequem begehbaren Sandstrand erreicht hatte, beschwichtigte er sich, erklärte das Gedachte für Unfug, den ihm die Hitze im Kopf zusammengemistet hatte. Was wäre auch schon damit anzufangen! Wahrscheinlich war es ohnehin ein idiotischer Einfall gewesen, in dieser Hitze spazieren zu gehen.
"Bist du jetzt etwa den ganzen Nachmittag in dieser Hose herumgelaufen!", begrüßte ihn seine Frau gegen Abend, da er erschöpft und nur mehr nach einem Stuhl begierig zurück auf die Terrasse kam. Und es war ihm der vertraute Ton wie ein zu Hause, wo er sich behaglich und aufgehoben fühlte, wo er verschnaufen und erleichtert die Füße ausstrecken konnte.

Die zerbrochenen Engel - Die Flügel der Menschen - Erzählungen